Ein Artikel
von 1977 über das Polavision-System
In der Österreischischen Zeitschrift "Praktiker" erschien 1977 der folgenden
Artikel über das Polavision-System.
Das
Sofortfilm-System "Polavision" (aus Praktiker 11/1977,
Seite 25)
Als Analogie zu Sofort-Bild hat Polaroid
bekanntlich auch ein Sofort-Laufbildsystem angekündigt.
Dieses wurde vor kurzem in den USA erstmals auch
verschiedenen Fachjournalisten vorgestellt, weshalb es
uns möglich ist, darüber als erste österreichische
Zeitschrift zu berichten.
Es handelt sich hier um einen Schmalfilm, der sofort nach
der Belichtung entwickelt und schon nach 90 Sekunden
vorgeführt werden kann. Dazu war bekannt, daß man sich
bei Polaroid um die Lösung dieses Problems bemühte.
Ebenso wußte man, daß mit der Konstruktion der dazu
notwendigen Geräte - Kamera und Projektor - "Bell
& Howell" beauftragt worden war.

Doch schien man dort nicht recht damit weiterzukommen, so
daß der Auftrag - samt den bisher erarbeiteten
Unterlagen - an die heimische Eumig als Lohnauftrag
weitergereicht wurde. Und jetzt konnte Polaroid-Chef Dr.
Edwin Land im Rahmen der Polaroid-Hauptversammlung am 26.
April in Needham (Massachusetts) und am 5. Mai anläßlich
einer wissenschaftlichen Tagung in Los Angeles das
fertige System einem interessierten Fachpublikum
vorstellen.
Filmformat
wie Super 8
Das neue "Polavision"-System besteht aus der
Kamera, dem Vorführgerät und einem in Spezialkassetten
gelieferten Sofortfilm. Dieser Film hat zwar die
Dimensionen des normalen Super-8-Materials und könnte
auch wie dieses geschnitten und geklebt werden, doch
liegt dies nicht im Sinn des Erfinders, der die einzelnen
Szenen in der Kassette, in der sie belichtet und
entwickelt werden, auch projiziert und weiterhin
aufbewahrt wissen möchte.
Er begründet dies vor allem damit, daß die zwischen
Aufnahme und Wiedergabemöglichkeit liegende extrem kurze
Zeitspanne von nur eineinhalb Minuten nicht durch eine
Behandlung verlängert werden möge.
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Das vollständige "Polavision"-Programm,
wie es mit den ersten Exemplaren noch dieses Jahr
in den USA auf den Markt kommen soll. Links die
Filmkamera, daneben die "Polavision"-Filmkassette
und rechts der Bildschirmprojektor, wo oben die
Kassette eingelegt wird.. |
Die Kamera zu diesem System erinnert sehr stark an "Fujica"-Modelle,
die für Single-8-Filme eingerichtet sind. Und ebenso hat
auch die "Polavision"-Kassette zwei
nebeneinanderliegende Filmspulen und bedingt damit die
Kameraform. Die Kamera besitzt ein zweifach-Zoom 1:1,8
das in zwei Zonen scharfgestellt werden kann (1,80 m und
von 4,50 m bis unendlich).
Die Batterien sitzen im Handgriff der auch den
Hauptschalter für alle Funktionen der Kamera enthält.
Neu ist, daß dieser Schalter auch eine auf die Kamera
aufgesetzte Filmleuchte schaltet. An sich ist diese
Kamera nichts Besonderes, ihre Funktion könnte übrigens
auch von jeder anderen Kamera erfüllt werden, sofern sie
die "Polavision"-Kassette aufnehmen kann.
"Polavision"-Filmkassette geöffnet. Deutlich
erkennt man in diesem Bild die beiden Filmspulen und
dazwischen das Lichtleitfaser-Prisma. Links das keilförmige
Stück ist der Entwicklungsteil mit den bei der
automatischen Ausarbeitung im Projektionsgerät
freigegebenen Chemikalien.
Entwicklung
in der Kassette
Die Besonderheit beginnt erst bei der Kassette, die - wie
schon erwähnt - zwei nebeneinanderliegende Spulen
besitzt. Der Film läuft von der oben befindlichen
Vorratsspule zur unten liegenden Aufwickelspule. Die
Kassette enthält ferner die Entwicklungsstation für den
belichteten Film und endlich noch eine Lichtleitfaser-Optik,
die es ermöglicht, den entwickelten Film zum Zweck der
Projektion von hinten her zu durchleuchten.
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"Polavision"-Filmkassette
geöffnet. Deutlich erkennt man in diesem Bild
die beiden Filmspulen und dazwischen das
Lichtleitfaser-Prisma. Links das keilförmige Stück
ist der Entwicklungsteil mit den bei der
automatischen Ausarbeitung im Projektionsgerät
freigegebenen Chemikalien. |
Dies deshalb, weil der Film, wie gesagt, die Kassette
nach Möglichkeit überhaupt nicht verlassen soll.
Endlich befindet sich hier auch noch eine "Befehlszentrale"
für das Vorführgerät, die über eine Reihe von
Kontakten diesem angibt, was mit der eingesetzten
Kassette zu geschehen hat.
Der zu diesem System gehörige Bildschirmprojektor ist
angenähert kubisch, die auf seiner Vorderseite
befindliche Mattscheibe - der Bildschirm - mißt in der
Diagonale etwa 30 cm.
Sobald die Kassette eingesetzt wird, läuft der Projektor
an und führt die von der Kassette erhaltenen Befehle aus,
als da sind: Entwickeln des Films, Rückspulen,
Projektion und andere. Nach dem Entwickeln dauert es etwa
90 Sekunden, bis der Film vorgeführt wird.
Die
Chemie des "Polavision"-Filmes
Der Schlüssel des ganzen Systems aber ist ein neuer
Umkehr-Sofortfilm, über den allerdings nicht allzuviel
zu erfahren war. Man hörte nur, daß es sich um ein
Schwarzweiß-Material handelt, das hinter einem
dreifarbigen Linienraster belichtet wird. Nach der
Entwicklung diffundiert das unbelichtet gebliebene und
daher unentwickelte Bromsilber zur Positivseite des Film-Sandwichs
und bildet dort das positive Bild, während das Negativ
ausbleicht
(aber im Paket verbleibt).
Bei der Projektion decken nun die Positivteilchen jene
Farbrasterstellen, die am Bildaufbau nicht beteiligt sind,
die anderen werden projiziert und ergeben das Farbbild.
Damit wurde von Dr. Land auf das alte additive
Farbrasterverfahren zurückgegriffen und mit dem modernen
Sofortbildverfahren vereinigt. Entgegen dem alten
Kornraster aus eingefärbten Stärkekörnchen verwendet
Dr. Land einen Raster von Farblinien in den drei
Grundfarben Blau, Grün, Rot. 177 solcher Linien kommen
auf 1 mm, also eine recht gute Auflösung.
Soweit der Bericht aus den USA. Über den
voraussichtlichen Preis konnte nichts Genaues gesagt
werden, man spricht "drüben" aber davon, daß
Kamera und Projektor zusammen mindestens 500, kaum aber
mehr als l000 Dollar kosten würden, der Film könnte um
etwa zwei Dollar teurer sein als normaler Super-8-Film.
Eine geringe Menge an Geräten und Filmen sei noch gegen
Ende dieses Jahres zu erwarten, aber auch späterhin wäre
vorerst noch mit zögernder Auslieferung zu rechnen.
"Praktiker"
meint dazu:
Dieses neue Sofortumkehrfilm-System ist technisch überaus
interessant, über seinen praktischen Wert kann man im
Augenblick noch nicht viel sagen. Wie weit es sich hier
um eine Konkurrenz zur magnetischen Bildaufzeichnung
handelt, kann nur die Praxis ergeben. Ebenso erscheint es
ungewiß, daß - wie rnan in Fachkreisen hört - damit
der recht träge dahindämmernde Amateurfilm belebt
werden könnte. Denn hier dürfte der Grund weniger in
langen Ausarbeitungszeiten liegen.
Wieweit ein so rasches Filmergebnis aber für den
kommerziellen Einsatz, so für die aktuelle
Berichterstattung im Fernsehen, in Frage kommt, wird sich
erst später entscheiden. Dafür wäre ja eine 16-mm-Version
interessant, über die aber bis jetzt noch überhaupt
nichts bekannt ist, ebensowenig über einen
Sofortumkehrfilm im Format 35 mm, wie er etwa für
Diapositive für den Fotoamateur oder als Standbild im
Fernsehen von Bedeutung wäre.
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